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Das Programmheft des Festivals beschreibt Billy Roisz als «Tricky Woman». Ihre Spezialität: Bilder aus Tonsignale erzeugen. Diese Technik verwendet sie sowohl in live Performances als auch in Filme, die sie für den Kino konzipiert.

Ich durfte ein Interview mit ihr führen, um ihre Arbeitsweise besser zu verstehen. Nachmittags, im Park hinter dem Casino de Montbenon, kam mir eine elegante und herzliche Frau entgegen.

Nina: Ich bin mit Billy Roisz hier, hallo.

Billy Roisz: Hallo.

N: Ich habe mich gefragt: Billy Roisz ist das Dein richtiger Name, oder ist das ein Pseudonym ?

B: Eigentlich ist es mein richtiger Name seit ich elf Jahre bin. Dann habe ich mich entschieden, dass ich Billy heisse. Roisz heisse ich schon immer und Billy ist seit ich elf bin.

N: Das tönt irgendwie so “Kick-Ass” finde ich.

B: (Lacht) Ja, damals haben wir mit drei anderen Freundinnen beschlossen, wir nehmen jetzt so Jungs Namen an. Und es ist lustig, weil ich früher uroft in Filmprogrammen als “he” aufgeschrieben war. Als ich dann gekommen bin, führte es immer zu leichten Verwirrungen. Aber das mag ich.

N: Und hat es Dir geholfen, psychologisch ?

B: Als Teenager wahrscheinlich, ja. Ich mochte es und bin dabei geblieben. Sogar meine Eltern und meine Oma nennen mich so.

N: Das ist schön. Und in Wien bist Du künstlerisch aufgewachsen ?

B: Genau, als Kind habe ich auf dem Land gelebt und bin dann mit 21 nach Wien gezogen.

N: Kannst Du mir etwas über die Wiener Szene erzählen, wie sie damals war und wie sie sich entwickelt hat ?

B: Also ich habe angefangen eigentlich.. ziemlich spät. Da war ich schon 30, das war so Ende der 90er Jahre, Anfang 2000. Davor war ich nämlich in einer Performancegruppe [Anm. VIS PLASTICA’], wo wir Bewegungstheater gemacht haben, im öffentlichen Raum. Auch mit Musik und abstrakte Bewegungen aber noch nicht mit Film. Und ich habe dann 98 angefangen in einem neuen Lokal zu arbeiten in Wien, das da aufgemacht hat, das RHIZ. Das war ein super Ort für ganz viele experimentelle elektronische Musik, Noise, aber auch eben so Medienkunst, Video. Ich bin Autodidaktin und deswegen war das ein extrem fruchtbarer Boden um herumexperimentieren und auch ziemlich schnell gleich mit Sachen in die öffentlichkeit zu gehen. Also Punk Attitude. Ich habe damals mit DJing angefangen und bin dadurch auch zu Musikmachen gekommen.

N: Und zum Filmemachen ?

B: Als ich nach Wien gezogen bin, war ich ganz viel im Filmmuseum zu Besuch. Das war so quasi meine Sehschule. Da sind ganz viele abstrakte experimentelle Filme gelaufen, auch Animationsfilme [Anm. Das Filmprogramm hiess ‘Zyklisches Programm – Was ist Film]. Das habe ich einfach geliebt. Eigentlich wollte ich auch Animationsfilme machen, aber habe schnell bemerkt, dass ich zu faul für Einzelbildanimation bin (lacht). Ich habe dann herumprobiert, mit diversen Videomaschinen, habe sie anders verwendet als man sie normalerweise verwendet. Auch in Zusammenhang mit Sound, das hat mich interessiert, die Verbindung von Ton und Bild. Und das Bild eigentlich nicht als Bebilderung von Ton, sondern als so was wie visueller Sound zu verwenden -oder visuelle Musik. Da kommt auch sicher der Einfluss aus den frühen Arbeiten von den 1920 Jahren von experimentellen Filmemachern wie Ruttmann und Hans Richter und so weiter, die das ganze immer sehr kompositorisch angegangen sind.

BYE BYE ONE – Billy Roisz

N: Und wenn ich das richtig verstanden habe, machst Du auch manchmal Videos, die direkt vom Ton abgeleitet sind..

B: Genau, das ist eine meiner Haupttechniken, die ich über die Jahre entwickelt habe. Bei den letzten Filmarbeiten geht es mehr in den Hintergrund -ich arbeite jetzt mehr auch mit konkretem Filmmaterial- aber bis vor ein paar Jahren habe ich hauptsächlich mit dieser Technik gearbeitet, dass ich mit dem Sound so was wie abstrakte Bilder zeichne.

Sowohl das Bild, als der Ton sind auf Frequenzen, Elektronen und Strom aufgebaut. Und ich kann eben je nach Tonhöhe abstrakte Formen erzeugen. Das habe ich über die Jahre experimentiert und verfeinert.

N: Und musstest Du Deine Maschinen zuerst programmieren, damit sie genau diese Bilder erzeugen ?

B: Nein, das ist eigentlich ganz analog. Draufgekommen, auf diese Technik, bin ich durch einen Fehler, der mir passiert ist, wo ich mal beim Fernsehereingang den Ton auf das Bildsignal geschickt habe. Dann hat man in -sagen wir mal Bildsprache– Streifen am Bildschirm gesehen. Und das ist Schwarz-Weiss. Also das kann man ganz einfach machen. Es rührt daher, dass das Bild am Fernseher auch aus lauter kleinen Zeilen aufgebaut ist, wo die Elektronen die Zeilen abfahren. Also hohe Töne, hohe Frequenzen, machen eine schnellere Frequenz, dann sind ganz viele, kleine, feine Linien am Fernseher zu sehen. Und zum Beispiel ein Brummton von 50 kHz, also auf dieser Frequenz läuft quasi der Strom aus der Steckdose, das ist dann ein breiter Streifen, weil dann das Elektron ganz langsam schwingt. Aber das ist jetzt schwierig, ohne die Bilder dazu zu zeigen…

Aber eben, mit dem Mischen der Tonfrequenzen kann man auch Interferenzen erzeugen und auch verschiedenste Formen. Es sind immer Streifen -horizontal und Vertikal- oder, wenn man die richtigen Frequenzen findet und mischt fängt das ganze auch an, sehr organische und runde, wabernde Blasen zu machen.

Aber es ist wirklich so, dass ich es gar nicht umtransformiere, das Tonsignal, sondern ich zeichne direkt mit dem Ton das Bild.

Analog zu Film -also zu Zelluloid- da gibt es auch diese Tonspur am Film und wenn das Bild in die Tonspur läuft, dann macht es ja auch Sound. Genau so ist es mit dem Video.

N: Also nur umgekehrt. Und bei Dir geht es also in diesen Experimenten eher um das Bild ? Dann ist die Vertonung quasi, als würde man das Bild hören ?

B: …Ja. Und umgekehrt, ich habe auch Feedbackschleifen erzeugt, wo ich dann auch wieder die elektromagnetischen Felder von, zum Beispiel einem alten Röhrenfernseher abnehme und das in meinem Audiomischpult zurückschicke. Was dann auch wieder in erster Linie sehr abstrakte Brummtöne oder hohes Fiepsen erzeugt. Und durch verschiedene soundeffect-Geräte kann ich die Sounds verändern und die machen auch wieder ein anderes Bild. Das ist also ein ganzer audiovisueller Apparat, den ich mir aus verschiedensten kleinen Maschinen aufbaue sozusagen. Und genau: Bei meinen ersten experimentellen Videoarbeiten, da ist es wirklich sehr ums Experiment gegangen, die sind noch ganz roh. Und haben…ich sage mal, ganz straighte und transparente Konzepte dahinter… mehr wie kleine audiovisuelle Skulpturen. Erst später hat es mich interessiert, auch etwas narratives und komplexere Konzepte in meine Filmarbeiten mit ins Kino reinzunehmen. Und sie dadurch auch mit konkreten Bildern gemischt.

darkroom – Billy Roisz (Link)

N: Und Du machst auch Filmmusik für andere, habe ich gesehen…

B: Ab und zu. Ich habe den Soundtrack für eine andere Filmemacherin gemacht, diesen Film zeige ich hier im Programm. Das habe ich zwei- dreimal gemacht. Oder in Zusammenarbeit mit anderen das Bild und der Ton.

N: Und ist da die Arbeitsweise für Dich anders ?

B: Also in dem Fall vom Film, der jetzt hier gezeigt wird, Distortion (Lydia Nsiah), ist es ziemlich an das angelehnt, was ich sonst mache. Es ist so, dass es auf kommerziellen DVDs einen Kopierschutz gibt. Dieser schaut dann so aus, dass die ersten Bilder immer distorted also irgendwie verzerrt sind oder irgendwelche Artefakte eingebaut haben. Und die Lydia Nsiah, so heisst die Filmemacherin, hat eben aus lauter Avantgardefilmen -viele aus den 20er Jahren- diese ersten Frames, die zerstört worden sind, genommen und zu einem Film montiert. Ich habe dann, weil, es Distortion heisst, den fertigen Film auf meinem Fernseher abgespielt und einfach mit zwei Kabeln die Lichtunterschiede von der Bildröhre abgenommen und diese durch einen distortioneffect-Gerät durchgespielt, aufgenommen und wieder zu ihren Bildern dazu montiert. Es ist also eine analoge Arbeitsweise einerseits zu ihrer Arbeit aber auch zu dem, was ich sonst mache.

N: Ich habe auch gesehen, dass Du oft mit anderen Personen zusammenarbeitest.. Für mich ist es schwierig, vor allem wenn man experimentell arbeitet, weil man nie wirklich weiss, wohin es geht und man immer wieder entscheiden muss welchen Weg einzuschlagen. Wie machst Du das?

B: Ja, das ist sowieso ein sehr wichtiger Teil in meiner Arbeit, die immer sehr Prozesshaft ist. Da ist zwar ein Konzept und eine Idee am Anfang. Und vielleicht auch schon so was wie eine Dramaturgie -oder ein Storyboard, kann man es auch nennen. Aber im Prozess, durch die Arbeit mit den Anderen, oder auch mit dem Filmmaterial kann sich das sehr stark nochmals ändern. Ich gehe zwar nicht weg von der Grundidee, aber es kann sein, dass neue Ebenen dazukommen. Das mag ich eigentlich sehr, wenn ich am Anfang meine Fragen stelle aber dann ein Dialog, oder Multilog daraus wird, mit allen möglichen Leuten, mit denen ich zusammenarbeite.

N: Und habt ihr dann trotzdem getrennte Rollen ?

B: Ja, es ist sehr unterschiedlich bei jedem Projekt und bei jedem Film, den ich gemacht habe. Es gibt auch zwei Filme, wo die Soundebene schon Fertig war und die so was wie Musikvideos sind. Und dann gibt es wieder so ganz eng verknüpfte Projekte. Interessant ist vielleicht ein Film, der heisst Close your Eyes, dieser ist inspiriert von einer literarischen Vorlage von Henri Michaux -Er ist ein bildender Künstler aber auch Poet, Schriftsteller. Er hat in den 50er Jahren Experimente mit Meskalin gemacht und diese dann sowohl schriftlich als auch mit Zeichnungen während dem Trip aufgezeichnet aber auch danach.- Anhand dieser literarischen Vorlage habe ich dann quasi einen Score gemacht aus Bildern aber auch aus Textstellen, aus dem Buch. Da habe ich an der Bildebene gearbeitet und mein Partner, in dem Fall war es Dieter Kovacic, mit dem ich sehr viel zusammen arbeite, hat diese Vorlage -den Score– für die Soundebene verwendet. Erst zum Schluss haben wir die zwei zusammengefügt und dann die chemische Reaktion gesehen, was passiert. Das war auch ein sehr interessanter Vorgang.

Und manchmal geht es aber wirklich parallel, dass ich zusammen mit einem anderen MusikerIn wirklich im Entstehungsprozess ganz eng, auch im gleichen Raum, an den gleichen Maschinen arbeite. Es ist wirklich sehr unterschiedlich.

N: Es gibt auch ein Video auf Internet, wo Du in einer Galerie Deine Bilder und Töne gleichzeitig erzeugst, jetzt sind sie da in einem Kino. Eigentlich ist es schon ziemlich unterschiedlich…

B: Es ist unterschiedlich. Was Du gesehen hast ist, wo ich live performe ?

N: Ja.

B: Genau, das ist ein Teil. Das ist, was ich gestern auch hier gemacht habe. Das ist ein Teil von meiner künstlerischen Arbeit. Ich bin einerseits Musikerin, aber meine Soloperformances sind meistens mit Ton und Bild, wo ich auch mit dieser Technik arbeite. Nur der grosse Unterschied zu den Filmarbeiten ist, dass das improvisiert ist zu hundert Prozent, das passiert einfach live. Und man kann es aufnehmen, dann ist es fertig, aber es ist nicht eine konzeptuelle Idee dahinter, wie bei meinen Filmarbeiten, die ich schon immer in den Kinoraum denke: In die Blackbox, wo möglichst alles andere reduziert ist und nur auf das Sehen und Hören, alles runtergebrochen wird.

N: Ach so, weil ich hatte diese eher abstrakten Filme gesehen, mit dem Röhrenfernseher denke ich, und deswegen dachte ich, dass du sie von einer live Performance übernommen hättest, um sie danach im Kino zu zeigen.

B: Nein, also es gibt einen Film, der so entstanden ist, der heisst Tilt und das ist eigentlich der einzige Film den ich eins zu eins bei einer live Performance aufgenommen habe und danach das Bild und den Ton gemastert habe. Aber das ist eigentlich eine Ausnahme. Sonst sind die Filmarbeiten viel vertrackter und es geht mir auch um ganz viel andere Fragestellungen.

TILT – Billy Roisz

N: Es gibt nicht so viele Künstler die sowohl im Kino arbeiten, als auch in Galerien. Ist das manchmal schwierig für Dich ?

B: Also diese live Performances, die ich mache, die sind selten in Galerien. Das ist meistens bei Musikfestivals, wie jetzt hier. In Galerien kommt es ein- zweimal vor. Und was ich auch noch mache, wenn man das trennen will überhaupt, diese drei Arbeitsstränge, sind Installationen, die dann für Galerien gedacht sind. Es sind Soundart Installationen, wo manchmal Bild dabei ist, aber manchmal ist es nur Ton oder irgendwelche anderen Objekte, die im Raum sind.

N: Also, ich denke auch nicht, dass man das unbedingt trennen muss. Aber ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, von diesen Orten eine Nachfrage zu bekommen, wenn man nicht klar einzugrenzen ist.

B: Es stimmt, es ist einfacher für den ganzen Betrieb, wenn man so eine klare Schublade hat, aber das habe ich nicht.

Für meine Filme habe ich einen Vertrieb- das ist Sixpackfilm in Wien. Die laufen, wenn sie mal in den Vertrieb sind quasi von selber. Und für meine Liveauftritte mache ich meine Selbstvermarktung sozusagen. Ich schreibe Festivals an um Auftritte zu bekommen. Galerien, selten. Es ist eher so im Festivalbetrieb.

N: Und könntest Du Dir auch vorstellen bei Konzerte Visuals zu machen, für andere Künstler ?

B: Das kommt drauf an. Ich habe früher oft nur Video gemacht und andere Musik. Aber es muss etwas spezielles sein. Also die Leute müssen wissen warum sie meine Bilder wollen und ich muss wissen warum ich Bilder zu ihrer Musik machen will.

N: Und früher, als Du noch DJ gemacht hast. Wenn es damals schon so populär wäre Visuals zu machen, hättest Du da vielleicht Clubvisuals gemacht ?

B: Das hat mich eigentlich nicht so interessiert. Ich habe Workshops gegeben für Jugendliche. Aber nicht mit meiner Arbeitsweise, sondern mit VJ-Programmen wie Resolume. Das hat mir Spass gemacht. Aber ich muss auch sagen, ich war nicht ein Club-DJ in dem Sinn, dass ich Dancemusik aufgelegt habe. Auch das war immer sehr experimentell (lacht) und eine Mischung von vielen Musiksachen.

N: Weil es bei Dir wahrscheinlich nicht nur um das Bild selber geht…wie könntest Du es beschreiben ? Die Stimmung, die Atmosphäre, oder…?

B: Ja, also Bild und Ton in dem Raum, in dem es stattfindet. Und je nach dem, ob es im Kino ist oder als live Performance kommt mein Körper auch dazu, auf der Bühne. Es ist so was…vielleicht wie bewegte Skulpturen ? Ich meine, das Bild selber ist zwar 2D, aber der Sound dehnt sich im Raum aus. Und dadurch bekommt für mich das Bild auch Räumlichkeit. Und die Leinwand sehe ich auch irgendwie als Membran, im Raum, die mit der Musik schwingt. Es wird so ein Körper (lacht).

N: Und dann gehören auch die Zuschauer zu diesem Ganzen ?

B: Genau, im besten Fall überträgt sich das auch -oder sind die Körper der Zusehenden auch Teil des Ganzen.

N: Und was möchtest Du mit ihnen bewirken, am liebsten ?

B: Sie mitzunehmen auf einem Trip (lacht) ! Das schöne ist an abstrakten Sachen, dass viel Freiheit da ist, um auch seine eigene Bilder zu haben. Oder auch nicht, wenn man keine Bilder hat, das nur Körperlich oder mit einer Stimmung zu spüren, ist es auch total ok. Also es ist mir ganz wichtig auch, wenn ich sehr oft bei meinen Filmarbeiten viele Schichten an Konzepte dahinter habe, muss es auch funktionieren auf einer sehr direkten und körperlichen Ebene. Ohne, dass man den intellektuellen Background dazu hat. Das ist mir sehr wichtig.

N: Zum Schluss, was könntest Du jüngeren Künstlern empfehlen, die auch multimedial arbeiten ?

B: Einfach viel ausprobieren und eine gewisse Art von Frechheit auch ! Also auch unfertige Sachen zu präsentieren oder mit anderen zu teilen. Ich finde dadurch passiert viel. Oder das Feedback von anderen Leuten finde ich ganz wichtig.

Danke an Billy Roisz für dieses schöne und inspirierende Interview. Lassen wir es doch mit diesem komischen Video ausklingen:

JAZZWERKSTATT WIEN: Fernsehküche – Billy Roisz + dieb13

 

6. November 2018

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