Internationales Trickfilmfestival Stuttgart ITFS

FMX 2.-7. Mai 2017

Eine Postkarte von Christian Gasser

Es ist Freitagmorgen, kurz vor dem Frühstück, der Himmel ist grau. Ich bin Mittwochmittag angekommen, fühle mich aber, als wäre ich seit mindestens einer Woche hier.

Festivals haben die Eigenheit, das Raum-Zeit-Kontinuum zu sprengen. Der Raum verengt sich: Über den begrenzten Bereich zwischen den Festivalzentren wölbt sich eine durchsichtige, aber undurchlässige Blase, die alles verdrängt, was nicht zur Animation gehört. Die französischen Präsidentschaftswahlen? Trump? Unruhen in Venezuela? Gibt’s nicht. Auch die Zeit funktioniert anders: Sie tickt langsam, während man selber schneller lebt. Anders gesagt und um einen hier oft gehörten Begriff aufzugreifen: Ein Festival ist ein Stück real erlebte virtuelle Realität …

Die Risiken und Nebenwirkungen dieser zeiträumlichen Paradoxa sind in Stuttgart besonders gross, denn hier kreuzen und überlappen sich zeitgleich mehrere Anlässe: Das Internationale Trickfilmfestival ITFS, die Film and Media Exchange FMX, der Animation Production Day, die GameZone, das Open-Air-Festival im Schlosspark. Die Anzahl der zeitgleich und parallel ablaufenden Veranstaltungen und anderen Angebote ist schwindelerregend, und dass jedes (Teil-)Festival sein Programm in einem eigenen Katalog und einer eigenen Website aufführt, macht das Zusammenstellen eines sinnvollen Tagesablaufs und das Vermeiden von Terminkollisionen zu einer beachtlichen planerischen Herausforderung.

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft

Dreh- und Angelpunkte sind zweifellos das ITFS und die FMX. Das ITFS ist ein klassisches Trickfilmfestival mit kuratierten Kurzfilmprogrammen, mehreren Wettbewerben, Langfilmpremieren und Retrospektiven. Die FMX ist eine internationale, mit hochkarätigen Gästen und Referenten bestückte Konferenz über Animations- und Medien-Technik und -Technologie.

Möchte man vereinfachen, könnte man behaupten, das ITFS repräsentiere Gegenwart und Vergangenheit, die FMX hingegen Gegenwart und Zukunft; das ITFS stehe für die Kunst, die FMX für die Technik; das ITFS biete Entertainment, die FMX die dafür notwendigen Tools.

Pendelbewegungen und Begegnungen

Diese Zuspitzung wäre jedoch fahrlässig, denn natürlich gehören ITFS und FMX zusammen; sie sind eng miteinander verknüpft, sie ergänzen und bereichern sich. Deshalb pendeln denn auch die meisten Besucherinnen und Besucher zwischen ITFS und FMX hin und her, von einer Software-Präsentation zu einem Kurzfilmprogramm, zurück zu einem Panel mit grossen Namen und weiter zu einer Langfilmpremiere oder einem Programmblock mit ausgezeichneten Werbefilmen. Dazwischen und danach kommt es zu Begegnungen, zu Gesprächen, zum Austausch, und das ist letztlich noch wichtiger als die Filme und die Technologie.

Es ist Freitagmorgen. Zeit für das Frühstück. Dann mache ich mich auf den Weg zu einem weiteren langen, anstrengenden, aber anregenden Tag. Am Sonntagmittag verlasse ich diese wunderbare Animationsfilm-Blase und fahre ich zurück in die richtige Welt. Um etwa drei Wochen gealtert.

Christian Gasser

Photo credit: „FMX“, Dominique Brewing and Peter Hacker

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5. Mai 2017

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